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Britannien schwankt

 

This article is written by Thomas Kielinger OBE and was published in Die Welt on 3rd July 2017. The original article is here.

 

Elisabeth II. sprach von einer dunklen Stimmung, „a somber mood“, die sich über das Land gelegt habe. Es war ein ungewöhnlicher Ton in der Geburtstagsmessage der Queen in diesem Jahr. Noch lodert in der Erinnerung die Brandfackel des 23stöckigen Hochhauses in Nord Kensington. Die bewegenden Beispiele von spontaner Hilfe einfacher Menschen in dieser Albtraumnacht können nicht die bohrende Frage wegwischen: In was für einem Land leben wir eigentlich? Wie kann man einen Apartment-Turm von 129 Wohnungen derart ungeschützt lassen gegen Feuer? Mit Isolierungsmängeln im Innern und einer Außenverkleidung, die wider alle Vorschriften kostensparend aus leicht inflammablen Material bestand, aber schön anzusehen war, damit die reichen Nachbarn aus Kensington und Chelsea nicht Anstoß nehmen müssen an dem Memento der Armut?

 

Die private Management-Firma ist bis heute nicht einmal in der Lage, eine Belegliste der Wohnungen vorzuweisen, mit Namen, Zahlen und Daten, was wenigstens bei der Suche nach Vermissten helfen würde.

 

149 im Eilverfahren untersuchte Wohnhaustürme im Land sind sämtlich mit ähnlichen Makeln behaftet wie das Grenfell-Hochhaus in London, die Sicherheit der Bewohner kann also nicht garantiert werden. Dass es sich in allen Fällen um Sozialunterkünfte handelt, spricht eine eigene Sprache. Man leistet sich eine Klasse von meist dem multikulturellen Milieu entstammenden Menschen, vielfach Immigranten, Arbeitslose oder von schlecht verdienender Arbeit Abgängige, oft mit nur wenig Englisch, ein Bodensatz von Nichtintegrierten, die um Anschluss ringen und ihn nicht finden. Sie wurden ins Land gelassen von einer überaus toleranten Gesellschaft, deren Stadträte die Verwaltung dieser sozialen Flut an Privatfirmen delegieren, die nicht genau hinsehen, es es nicht so genau nehmen, die aber sehr genau auf den Kostenpegel achten, den sie senken, um den Auftrag zu sichern. Die Kehrseite von Toleranz ist Indifferenz, das sich-nicht-Kümmern, ein laissez-faire der Hinnahme von nicht hinnehmbaren Zuständen.

 

England scheint derzeit von den sieben biblischen Plagen heimgesucht. Infelix Britannia. Das Land schaut in den Spiegel, verwirrt über das eigene Bild. Das Gesicht eines vielfach zersplitterten Gemeinwesens, in alle mögliche Richtungen tendierend, nur nicht in die eine: hin zu mehr Eintracht, Kohäsion. Widersprüchlichkeit ist in das britische Wappen eingedrungen, Löwe und Einhorn senken das Haupt. Am Horizont flackern Irrlichter. Brexit? Was verheißt der Brexit, der binnen 18 Monaten verhandelt sein soll im ersten Anlauf, damit er bis März 2019 ratifiziert wird? Dessen Ausgang niemand beschreiben kann, so wenig wie der Wetterbericht den englischen Sommer? Im Kabinett herrscht Dissens über lauter Chimären: Harter Brexit, weicher Brexit, Zolluniun ja oder nein, der Übergang in die Zeit danach – ein unaufhörliches Gerangel. Lehrerin May scheint ihre Schuklasse nicht unter Kontrolle zu haben.

 

Oder führt Pirandello heimlich Regie unter den so genannen führenden Köpfen „auf der Suche nach einem Autor“? David Davis, der Brexit-Minister, ist für eine rasche Implementierungsperiode nach dem Amputationsdatum 29. März 2019. Philip Hammond dagegen, der Schatzkanzler, besorgt um einen harten wirtschaftlichen Aufprall, denkt an eine längere Übergangsfrist, bei festen Übereinkünften mit Brüssel, vielleicht für weitere drei Jahre nach 2019. Die Medien, schlagzeilensüchtig, reiben sich genüsslich die Hände, das Volk weniger.

 

Kater breitet sich aus. Was haben wir uns mit dem Referendum vor einem Jahr angetan? Man höre, was eine glühende Brexit-Vertreterin wie die bayrische Ex-Abgeordete der Labour-Partei, Gisela Stuart, dem Autor eines neuen Buches „Wie man ein Referendum verliert“ in sein Aufnahmegerät diktiert hat: „Eine Volksabstimmung? Die hätten wir über den Lissaboner Vertrag abhalten sollen, mit seinen klar definierten Positionen. Dann kam Cameron und warf diese nichtssagende Referendumsfrage in die Luft – Ja oder Nein. Das hätte er nicht tun sollen. Die Art und Weise, wie er das Referendum inszenierte, war ein Missbrauch des demokratischen Prozesses.“ Donnerwetter – für diesen „Missbrauch des demokratischen Prozesses“ treibt man dann die Brexit-Sau durchs Dorf? Will hier jemand mit der nachgereichten Kritik das eigene Bild in der Geschichte, na, sagen wir mal salopp, ein wenig „fotoschoppen“, frisieren?

 

Was sollen die Wähler davon halten? Nur ein Jahr nach dem Referendum wirkt sein Ausgang wie ein Fanal. Es ist ein schwankender Boden der Selbstbefragung, landauf, landab, auf dem die Briten jetzt in die wichtigste Entscheidung ihrer Nachkriegsgeschichte stolpern. „Frailty, thy name is woman“, klagt Hamlet. Nein, Schwachheit, dein Name ist Brexit.

 

Theresa May kann der allgemeinen Unsicherheit keinen Halt bieten, ist sie doch selber das personifizierte Fragezeichen schlechthin. Auch in der Innenpolitik. Seit acht Jahren durchlaufen öffentliche Angestellte die Durststrecke von nicht mehr als ein Prozent Lohnsteigerung pro Jahr – eine Erosion von Lebensqualität, von erschwinglichem Leben. Aufgeschreckt durch Jeremy Corbyn, dem Ankläger solcher Austerity, dachten Stimmen im Kabinett laut darüber nach, ob diese Ein-Prozent-Obergrenze, eine allmählich unzumutbare Härte, nicht wegfallen sollte. In einer ersten Unterhaus-Abstimmung darüber schlossen sich dann die Reihen – die jetzt schon wieder aufbrechen. Der Druck von der Straße, aber auch von Abgeordneten der Regierungspartei, wird größer. So hangelt sich Theresa May mit ihren nordirischen Hilfskräften von Abstimmung zu Abstimmung. Wie lange das gut geht, weiß niemand.

 

Nicht als ob dieser Wanderprediger Corbyn mehr Kohärenz vorzuweisen hätte, beim Brexit oder wo auch immer. Die Unterstützung für die britische Atomwaffe zum Beispiel, die U-Boote der Trident-Klasse, ließ er listig ins Wahlprogramm seiner Partei streuen, Sand in die Augen des Publikums. Aber unlängst schwang er sich volkstribunhaft auf die Bühne des Glastenbury Music-Festivals und verriet der frenetischen Menge sein anti-nukleares Credo: Würde er Regierungschef, käme Trident sofort auf die Abschussliste.

 

Immer, wenn sie geeint war, widerstand die Insel den Stürmen der Geschichte. Heute aber ist sie es nicht, und da genau liegt der Grund für die dunkle Stimmung, welche die royale Psychoanalytikerin ausgemacht hat, gewiss auch bei sich selber.

 

 

Image: qoppi/Shutterstock.com